12 Rudolf Kasztner
Auf der Brücke über dem Rhein: Rudolf Kasztner verhandelt mit der SS
Höchst – Lustenau – St. Margrethen, 21. August 1944
Im Dezember 1944 entkommen 1368 Menschen aus der Hölle von Bergen-Belsen. Auf ungewöhnlichem Weg, mit einem Sonderzug über die Eisenbahnbrücke zwischen Lustenau und St. Margrethen. Wie es dazu kam, hat noch Jahrzehnte später zu erbitterten Diskussionen geführt.
Am 21. August 1944 treffen sich auf der Grenzbrücke zwischen Höchst und St. Margrethen Rudolf Kasztner, der Vertreter des ungarischen Rettungskomitees, des Vaadat Ezra VeHatzala aus Budapest, und Saly Mayer, der ehemalige Vorsitzende des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, mit dem SS-Wirtschaftsbeauftragten in Ungarn, Kurt Becher. Der selbe Kurt Becher der zuvor im Rahmen der sogenannten „Partisanenbekämpfung“ in der Sowjetunion an der Ermordung von 14.000Juden beteiligt gewesen ist. Seit Monaten versucht nun – angesichts der nahenden deutschen Niederlage – das Rettungskomitee einen verzweifelten Poker um das Leben der ungarischen Juden. Die meisten Juden aus der ungarischen Provinz sind seit dem Frühjahr 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet worden. Noch aber sind tausende Juden in Budapest am Leben. Außerdem hat die SS 1684 Juden aus Ungarn als Pfand nach Bergen-Belsen geschafft, oder mit den Worten Adolf Eichmanns „auf Eis gelegt“, und versucht nun, mit diesen Menschenleben ein Geschäft zu machen. Kasztner und Mayer geben vor, sie könnten aus den USA Industriegüter und Rohstoffe herbeischaffen, während Becher die Lieferung von 10.000 Lastwagen verlangt. Kasztner und Mayer haben keinerlei Mandat von den Amerikanern dazu, und sie wissen nicht, ob Becher nur mit ihnen spielt, oder womöglich schon versucht, seine Lage für die Zeit nach einem verlorenen Krieg für sich und andere hochrangige SS-Leute zu verbessern. 318 Menschen werden am gleichen Tag über Basel in die Schweiz entlassen.
Noch im November 1944 gingen diese Gespräche weiter. Von individuellen Lösegeldern war die Rede, und von Überweisungen auf Schweizer Konten. Am 7. Dezember trafen schließlich 1368 jüdische KZ-Häftlinge aus Bergen-Belsen in St. Margrethen ein.
Rudolf Kasztner emigrierte nach dem Krieg nach Israel und machte in der sozialdemokratischen Partei Karriere. Doch 1952 wurden seine Verhandlungen mit den Nazis in einem Zeitungsartikel öffentlich skandalisiert und ihm vorgeworfen, damit den Tod vieler Juden verschuldet zu haben. Kasztner strengte einen Verleumdungsprozess an, der in einem Fiasko für ihn endete. Vor allem die politische Rechte nutze den Fall nun, um ihren zionistisch-sozialdemokratischen Rivalen Kollaboration mit den Nazis vorzuwerfen. Kasztners Aussagen im Nürnberger Prozess, die zu Gunsten Kurt Bechers und anderer NS-Funktionäre genutzt wurden, trugen dazu bei, seinen Ruf nachhaltig zu beschädigen. 1957 wurde er vor seiner Wohnung von drei Attentätern erschossen. Ein Jahr später wurde er vom obersten israelischen Gerichtshof von dem Vorwurf der Kollaboration freigesprochen.
Kurt Becher hingegen wurde nach dem 2. Weltkrieg nicht belangt und baute sich in Bremen wie auch in Ungarn erfolgreiche Handelsfirmen auf. 1950 schrieb er an Saly Mayers Witwe, kurz nach dessen Tod, einen „Kondolenzbrief“ und stellte darin finanzielle Forderungen an sie:
„Herr Mayer sagte mir, dass er für meine vier Kinder aus dem Fonds des Joint in einem Safe einen Beitrag von sfrs. 20.000 deponiert habe ... als Beweis des Dankes für unsere damalige humanitäre Arbeit.“
Jeanne Mayer antwortete darauf nicht.[1]
[1] Hanna Zweig-Strauss, Saly Mayer (1882-1950): ein Retter jüdischen Lebens während des Holocaust. Köln/Weimar/Wien 2007, S. 228 und 355.
12 Rudolf Kasztner
Auf der Brücke über dem Rhein: Rudolf Kasztner verhandelt mit der SS
Höchst – Lustenau – St. Margrethen, 21. August 1944
Im Dezember 1944 entkommen 1368 Menschen aus der Hölle von Bergen-Belsen. Auf ungewöhnlichem Weg, mit einem Sonderzug über die Eisenbahnbrücke zwischen Lustenau und St. Margrethen. Wie es dazu kam, hat noch Jahrzehnte später zu erbitterten Diskussionen geführt.
Am 21. August 1944 treffen sich auf der Grenzbrücke zwischen Höchst und St. Margrethen Rudolf Kasztner, der Vertreter des ungarischen Rettungskomitees, des Vaadat Ezra VeHatzala aus Budapest, und Saly Mayer, der ehemalige Vorsitzende des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, mit dem SS-Wirtschaftsbeauftragten in Ungarn, Kurt Becher. Der selbe Kurt Becher der zuvor im Rahmen der sogenannten „Partisanenbekämpfung“ in der Sowjetunion an der Ermordung von 14.000Juden beteiligt gewesen ist. Seit Monaten versucht nun – angesichts der nahenden deutschen Niederlage – das Rettungskomitee einen verzweifelten Poker um das Leben der ungarischen Juden. Die meisten Juden aus der ungarischen Provinz sind seit dem Frühjahr 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet worden. Noch aber sind tausende Juden in Budapest am Leben. Außerdem hat die SS 1684 Juden aus Ungarn als Pfand nach Bergen-Belsen geschafft, oder mit den Worten Adolf Eichmanns „auf Eis gelegt“, und versucht nun, mit diesen Menschenleben ein Geschäft zu machen. Kasztner und Mayer geben vor, sie könnten aus den USA Industriegüter und Rohstoffe herbeischaffen, während Becher die Lieferung von 10.000 Lastwagen verlangt. Kasztner und Mayer haben keinerlei Mandat von den Amerikanern dazu, und sie wissen nicht, ob Becher nur mit ihnen spielt, oder womöglich schon versucht, seine Lage für die Zeit nach einem verlorenen Krieg für sich und andere hochrangige SS-Leute zu verbessern. 318 Menschen werden am gleichen Tag über Basel in die Schweiz entlassen.
Noch im November 1944 gingen diese Gespräche weiter. Von individuellen Lösegeldern war die Rede, und von Überweisungen auf Schweizer Konten. Am 7. Dezember trafen schließlich 1368 jüdische KZ-Häftlinge aus Bergen-Belsen in St. Margrethen ein.
Rudolf Kasztner emigrierte nach dem Krieg nach Israel und machte in der sozialdemokratischen Partei Karriere. Doch 1952 wurden seine Verhandlungen mit den Nazis in einem Zeitungsartikel öffentlich skandalisiert und ihm vorgeworfen, damit den Tod vieler Juden verschuldet zu haben. Kasztner strengte einen Verleumdungsprozess an, der in einem Fiasko für ihn endete. Vor allem die politische Rechte nutze den Fall nun, um ihren zionistisch-sozialdemokratischen Rivalen Kollaboration mit den Nazis vorzuwerfen. Kasztners Aussagen im Nürnberger Prozess, die zu Gunsten Kurt Bechers und anderer NS-Funktionäre genutzt wurden, trugen dazu bei, seinen Ruf nachhaltig zu beschädigen. 1957 wurde er vor seiner Wohnung von drei Attentätern erschossen. Ein Jahr später wurde er vom obersten israelischen Gerichtshof von dem Vorwurf der Kollaboration freigesprochen.
Kurt Becher hingegen wurde nach dem 2. Weltkrieg nicht belangt und baute sich in Bremen wie auch in Ungarn erfolgreiche Handelsfirmen auf. 1950 schrieb er an Saly Mayers Witwe, kurz nach dessen Tod, einen „Kondolenzbrief“ und stellte darin finanzielle Forderungen an sie:
„Herr Mayer sagte mir, dass er für meine vier Kinder aus dem Fonds des Joint in einem Safe einen Beitrag von sfrs. 20.000 deponiert habe ... als Beweis des Dankes für unsere damalige humanitäre Arbeit.“
Jeanne Mayer antwortete darauf nicht.[1]
[1] Hanna Zweig-Strauss, Saly Mayer (1882-1950): ein Retter jüdischen Lebens während des Holocaust. Köln/Weimar/Wien 2007, S. 228 und 355.